Vor-Gelesen (Buch-Empfehlungen)

▫️Vincent Klink: Ein Bauch spaziert durch Venedig

▫️Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit

▫️Italo Calvino: Herr Palomar

▫️George Orwell: 1984

Vincent Klink: Ein Bauch spaziert durch Venedig

Eine Reisebeschreibung der besonderen Art. Der Stuttgarter Sternekoch, Inhaber der „Wielandshöhe“, reist mit seiner Tochter „ins Land, wo die Zitronen blühen“. Mit im Gepäck die Betrachtungen einiger Reisender vor ihm: Michel de Montaigne, Goethe … Es ist eine gemütliche Reise mit dem Auto von der Schwabenmetropole in die Lagunenstadt, durch Südtirol und Venetien. Eine Reise mit vielen Zwischenstopps, um Land und Leute, Kunst und Kulinarik, Architektur und Atmosphäre zu genießen. Literarisch ein Sternemenü, weil höchst vergnüglich und behaglich zu lesen mit vielen neuen Genußmomenten. Man erfährt viel: Über Giotto beispielsweise und über die Geschichte Venedigs, über die Zubereitung von Sarde in saòr (marinierte Sardinen) und über komfortable Herbergen. Und auch, warum Italien wohl immer ein Sehnsuchtsort bleiben wird.

G.S. 2022

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Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit

Alistair Cox, ein englischer Uhrmacher, reist im 18. Jahrhundert zusammen mit drei Gefährten nach China: Er soll für den gottgleichen Kaiser Qiánlóng Uhren - besser vielleicht: Automaten -  bauen, die die Zeit abbilden, einfangen - gar bändigen? Der chinesische Herrscher gebietet über Mensch und Tier, über Schicksale und Jahreszeiten. Wenn er also auch noch über die Zeit verfügen könnte...? Cox soll ihm zuerst eine Uhr bauen, die die Kindheit zeigt, dann eine, die den Tod verkörpert und zuletzt einen Automaten, der die Ewigkeit abbildet. Cox, zutiefst unglücklich seit dem Tod seiner Tochter, findet in der langen Reise zu einer fremden Kultur und in der Auseinandersetzung mit Kindheit, Tod und Ewigkeit zu sich selbst. 

Faszinierend ist Ransmayrs Stil: Es gelingt ihm, mit wenigen Worten, in wenigen Absätzen, farbenprächtige Welten entstehen zu lassen, komplexe Geschichten zu erzählen, Tiefgründiges mitzuteilen. Bestechend die Uhren, die Cox erfindet! Überraschend und im wahren Wortsinn genial ist der Schluß, die Uhr der Ewigkeit...

Historisch verbürgt: Es gab im 18. Jh. einen Automatenbauer James Cox, der versuchte, ein Perpetuum Mobile zu bauen. Auch lieferte er viele Uhren an den Kaiser Qiánlóng.

Aber alles andere ist Fiktion! Erdacht von Christoph Ransmayr. Nicht wirklich, aber wahr.

G.S. 2016

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Italo Calvino: Herr Palomar 

In 27 kleinen Geschichten versucht Italo Calvino, uns einen Menschen näher zu bringen, den nur eines umtreibt: den Fragen des Lebens auf den Grund zu gehen: „Niemand betrachtet den Mond am Nachmittag, und dabei hätte er um diese Zeit unsere Aufmerksamkeit am dringendsten nötig, da seine Existenz noch in Frage steht.“ Genau das ist es, was ich lesen will. Felsenfest stehende Tatsachen, und doch ein winziger Funke Unsicherheit. Was wäre, wenn sich Selene bereits von uns verabschiedet hat? Wenn sie gar nicht daran dächte, uns ihre Entscheidung des Nichterscheinens zukommen zu lassen? Herr Palomar beobachtet die Dinge in seinem Umfeld mit höchster Präzision. Wie etwa ein Fotograf, der mit der größtmöglichen Zeitlupe Werden und Vergehen eines Wesens zu dokumentieren versucht. Dabei ist  aber gänzlich im Unklaren, wie sich die Dinge hinter den Dingen verhalten, welchen Einfluß sie korrespondierend nehmen und ob ihnen mit präzisen Beschreibungen eine unumstößliche Wertigkeit zuzuschreiben wäre. Kurz und gut: unser Protagonist hat der Oberflächlichkeit, der Gleichgültigkeit gegenüber dem Besonderen den Kampf angesagt.

Und so betrachtet Herr Palomar nicht nur denn Mond am Nachmittag, sondern er versucht, eine Welle zu lesen. Er reiht sich in die wartende Schlange in einem Pariser Käseladen ein, betrachtet von seinem Garten aus die Sterne und sinniert über die Ordnung der Schuppentiere. 

Vielleicht, vermute ich, würde Herr Palomar sein unnachgiebig konsequentes Vorgehen beim Betrachten der Dinge mit dem Schälen einer Zwiebel vergleichen. Aber nein, nicht ganz: das wäre ja ein endliches Werk.

Auf denn: Begleiten Sie unseren emsigen Römer auf seiner Suche! Die gerade einmal 127 Seiten werden Ihnen bis zur letzten gefallen.

R.S. 2022

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George Orwell: 1984

Wie viele Menschen vor mir werden 1984 von George Orwell gelesen haben, ein Buch, das er 1948 schrieb? Die Angst vor einer diktatorischen Zukunftsgestaltung voller Leid und Gewalt, Manipulation und Unterdrückung, Demütigung und Umerziehung dürfte ein treibendes Moment sein, weshalb 1984 heute, 73 Jahre später, immer noch Millionen Leser anzieht.

Laut WiKi wurde das Buch 1999 in Frankreich auf Platz 22 der Liste der 100 besten Bücher des 20. Jahrhunderts gewählt. Im Januar 2017 landete es auf der Amazon-Bestseller-Liste in den USA auf Platz 1. In der DDR war es als staatsfeindliche Hetzschrift verboten. Für Lektüre und Verleih drohten Zuchthausstrafen.

Der Inhalt sei kurz zusammengefaßt: Der Protagonist Winston Smith arbeitet im Ministerium für Wahrheit* und will sich, weil er den Glauben an den Großen Bruder (Big Brother is watching you) verliert, Menschen anschließen, die  sich im Widerstand zu den diktatorischen Verhältnissen befinden. Winston ist interessiert an der Vergangenheit. Dies um so mehr, als eine seiner Hauptaufgaben darin besteht, im *Miniwahr (Kurzform) die Vergangenheit nach den aktuellen Bedürfnissen der Diktatur umzuschreiben und so die Geschichte der Menschen und ihrer Beziehungen kontinuierlich zu löschen, so daß die Lüge als Bestandteil der Geschichte zur Wahrheit wird. Ein Mittel zur Umerziehung ist hierbei die Amtssprache Neusprech, die kontinuierlich die Alltagssprache auf die Bedürfnisse der herrschenden Partei herunterbricht. Die Wirklichkeit: Umerziehungs- und Folterlager, heißen Lustlager; aus Krieg wird Frieden, aus Unwissenheit Stärke.

Auf der Suche nach Bundesgenossen gerät er in die Fänge der Gedankenpolizei des Ministeriums für Liebe (Minilieb). Hier wird er im Raum 101 einer langen Folter unterzogen und erinnert sich nach dem letzten Umerziehungsschritt nicht mehr an seine Sehnsucht nach Freiheit.

George Orwell schließt sein 1984 mit einer längeren Abhandlung über die Grundlagen von Neusprech und verdeutlicht den Sinn dieser sprachlichen Vergewaltigung, indem er den Beginn der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung zitiert und feststellt: „Es wäre ganz unmöglich gewesen, dies in Neusprech wiederzugeben und dabei den Sinn des Originals zu erhalten. Am nächsten käme man der Lösung, wenn man die gesamte Passage in einem einzigen Wort aufgehen ließe: Deliktdenk.“ (S. 398)

R.S. 2022

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