Vor-Gelesen (Buch-Empfehlungen)

▫️Ray Bradbury: Fahrenheit 451

▫️George Orwell: Farm der Tiere

▫️Manfred Geier: Worüber kluge Menschen lachen: Kleine Philosophie des Humors

▫️Umberto Eco: Der Name der Rose

▫️Franz Kafka: Ein Kommentar

▫️Uwe Wittstock: Februar 33 - Der Winter der Literatur

▫️Tom Clancy: Command Authority |  Kampf um die Krim

▫️Vincent Klink: Ein Bauch spaziert durch Venedig

▫️Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit

▫️Italo Calvino: Herr Palomar

▫️George Orwell: 1984

Vorab: Es scheint, als wenn unsere Erde ein großes Narrenhospital ist, wo aus dem ungeheuren Universo alle Narren hingeschickt 

werden, um Quarantäne zu halten. Immanuel Kant   (1724 -1804)

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Ray Bradbury: Fahrenheit 451*

Ray Bradbury, vielfach ausgezeichneter US-amerikanischer Drehbuchautor und Schriftsteller (1920-2012),  schrieb diesen Roman über eine fiktive Gesellschaft der Zukunft, in der es ein Verbrechen war, Bücher zu besitzen. Die Menschen lebten anonym, rechtlos und unter pausenloser Beschallung der gelenkten Medien.

Sein Protagonist Guy Montag ist in dieser restriktiven Kulisse Feuerwehrmann mit der speziellen Aufgabe, Bücherbesitzer aufzuspüren und deren Bücher mit einem Flammenwerfer zu vernichten. Mechanische Spürhunde verfolgen Staatsfeinde, selbständiges Denken und nicht angepaßtes Handeln bringt Menschen in große Gefahr. So auch Guy, der einige Bücher versteckt hält, sie auch liest, sogar seiner Frau Mildred und ihren Freundinnen daraus vorliest. Mildred, die ihrem Mann vollkommen gleichgültig gegenübersteht, verrät ihn bei Feuerwehr-Hauptmann Beatty. Dieser befiehlt Guy, das eigene Haus und seine Bücher zu verbrennen, doch Guy richtet das Feuer gegen den Captain und verbrennt ihn.

Guy flüchtet, von einem Spürhund gehetzt, zu einer Gruppe von Menschen, die versteckt in umliegenden Wäldern leben, Bücher besitzen oder zumindest Erinnerungen daran wachhalten. Derweil wird seine Heimatstadt bombardiert und geht in Flammen auf. Mit dem Mythos des Phoenix, der aus eigener Asche wieder aufersteht, um ewig zu leben, verbinden die Überlebenden die Hoffnung, wieder an einen Ort zurückzukehren, wo Bücher erlaubt sein werden.

Ray Bradburys Roman ist eine Dystopie, die Schilderung einer grausamen, autoritären Zukunftsgesellschaft. Man kann das Buch als Weckruf gegen das Vergessen verstehen, als Plädoyer für ein Wissen um die Bedeutung unserer Vergangenheit. Und als Warnung vor Gleichgültigkeit und Rechtlosigkeit, gegen die jeder einzelne aufgerufen ist, sich mit Mut und Optimismus zu wehren.

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* Der Titel bezieht sich auf die vermutete Temperatur Fahrenheit 451 (etwa 233° Celsius), bei der sich Papier von selbst entzündet. Das Buch erschien 1953 im Verlag Ballantine Books.

R.S. 2022

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George Orwell: Farm der Tiere

Das neben 1984 bekannteste Werk des englischen Schriftstellers und Journalisten George Orwell (1903 - 1950) ist die bittere Kritik des überzeugten Sozialisten und Spanien-Kämpfers an der russischen Revolution, der Diktatur Stalins und der Kommunistischen Partei. Die Revolution der Tiere, die sich in seinem utopischen Roman anfangs erfolgreich gegen die Herrschaft der Menschen und deren Ausbeutung auflehnen, endet in einer noch stärkeren Unterdrückung durch ihresgleichen. Die Herrschaft der Schweine (der Bolschewisten) kulminiert in dem finalen Gebot: Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher.

Die Entsprechungen der Tiere mit den handelnden Personen und Gesellschaftsklassen Russlands sind ebenso vielfältig wie treffend: Der Eber Napoleon symbolisiert Stalin, der recht bald seinen Partner Schneeball (Trotzki) durch seine Hundemeute (Geheimdienst NKWD) vertreiben läßt. Die Politik des Diktators propagiert und erklärt das kleine, dicke Schwein Quiekschnauz (Molotow). Die drei Klassen der Gesellschaft werden von den Pferden Boxer (das hart arbeitende,Proletariat), Kleeblatt (gebildete Schichten) und Mollie (Bourgeoisie) dargestellt. 

Mr. Pilkington, Inhaber der Fuchswaldfarm, versteht sich anfangs gut mit Napoleon und kooperiert mit ihm. Hier wird der Vergleich zu den westlichen Mächten USA und Großbritannien gezogen. Auch Mr. Frederick (Hitler) macht anfangs Geschäfte mit der Farm der Tiere, bis es zu Streit und Krieg kommt.

George Orwell veröffentlichte seinen utopischen Roman 1945. Grundlage waren unter anderem seine Erfahrungen im Spanischen Bürgerkrieg mit fanatischen Bolschewisten. Seine Veröffentlichung gestaltete sich jedoch äußerst schwierig. Viele Verleger lehnten den Druck ab, auch auf Anraten britischer Regierungsstellen. Schließlich fand sich der Verlag Secker & Warburg bereit zur Veröffentlichung. Ein Jahr später erschien Animal Farm in den USA.

Bis zur Wende in den 90er Jahren war das Werk in den Ostblock-Ländern verboten. WIKI (Farm der Tiere) hält fest: „Westliche Geheimdienste versuchten unter der Führung der CIA den Roman von 1952 bis 1959 zu tausenden mittels 3-Meter-Ballonen von drei Startplätzen in Westdeutschland aus im Ostblock zu verbreiten. Die Luftwaffen Polens, Ungarns und der Tschechoslowakei hatten den Auftrag, diese in der Operation Aedinosaur gestarteten Ballone abzuschießen, aufgefundene Bücher sollten zerstört werden.“

R.S. 2022

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"Wenn das Fehlen einer öffentlichen Vernunft zum Verzweifeln ist, muß man wenigstens bei sich selbst Trost und Unterkommen finden." Michel Eyquem de Montaigne (1533 - 1592)

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Manfred Geier: Worüber kluge Menschen lachen: Kleine Philosophie des Humors

Ein zweitausendjähriger Streifzug durch das „Land des Lachens“: Beginnend mit Platon - er trieb der Philosophie das Lachen aus - über Kant, der viel Humor besaß zu Karl Valentin, der die Menschen zum Lachen brachte. Vielleicht liegt es ja gar an Platon, daß wir immer noch zwischen U- und E-Musik unterschieden und unsere Unterhaltungsliteratur im Bücherregal hinter Werken verstecken, die uns „gebildet“ erscheinen lassen sollen … 

G.S. 2022

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Umberto Eco: Der Name der Rose

Man schreibt das Jahr 1327: Eine Serie von unerklärlichen Todesfällen erschüttert die Glaubensgemeinschaft in einem Benediktinerkloster. William von Baskerville, ein Franziskaner, wird um Hilfe gebeten. Die Spur führt zur Klosterbibliothek, wo das verschollene 2. Buch der Poetik des Aristoteles eifersüchtig bewacht und verborgen wird. Denn in diesem Werk wir die Philosophie des Lachens behandelt, die Komödie beschrieben … Lachen ist aber eine Ketzerei, jedenfalls zu diesen Zeiten …

G.S. 2022

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"Es mag sein, daß die Dummheit keine Grenzen kennt, aber sie kennt auf jeden Fall unheimlich viele Leute." Michel Eyquem de Montaigne (1533 - 1592)

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Ein Kommentar

„Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, daß es schon viel später war, als ich geglaubt hatte, ich mußte mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: ‚Von mir willst Du den Weg erfahren?‘ ‚Ja‘ sagte ich ‚da ich ihn selbst nicht finden kann‘ ‚Gibs auf, gibs auf‘ sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.“

Franz Kafka (1883 - 1924)

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Uwe Wittstock: Februar 33 -  Der Winter der Literatur

C.H.Beck Verlag, München 2021.

„Uwe Wittstock erzählt die Chronik eines angekündigten und doch nicht für möglich gehaltenen Todes“, heißt es im Klappentext des Buches. Vom 28. Januar bis zum 15. März 1933 wird  in 35 Kapiteln dem Zerfall des Rechtsstaates und der Errichtung der Nazi-Herrschaft nachgegangen. Begleitet von der äußeren Zementierung eines Diktatur - wie z.B. durch die Notverordnungen, aber auch durch die Straßengewalt der SA-Schlägertruppen - werden die für die Künstler einschneidenden Veränderungen wie mit einem Stroboskop beleuchtet: Klaus Mann erlebt die Besetzung des Theaters mit einem linientreuen Intendanten, George Grosz gelingt die Emigration acht Tage, bevor die Schlägertrupps der SA sein Haus besetzen. Bücher und Filme, Bilder und Vorträge werden verboten, Menschen ausgegrenzt, verfolgt, gequält, getötet für eine menschenverachtende Ideologie.

In einem atemberaubenden Tempo - vier Wochen und zwei Tage - werden alle demokratischen Strukturen zerstört, entscheidet sich, was gesagt, getan und geschrieben werden darf, ja, wer künftig leben darf. Und ebenso atemlos macht das Buch! 

"PACKEND UND BEÄNGSTIGEND: DIE VERWANDLUNG DEUTSCHLANDS IN EINE HÖLLE AUS DIKTATUR UND TERROR." , sagt STEN NADOLNY

G.S. 2022

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"Nichts kommt beim Volk so gut an wie Lauterkeit." Michel Eyquem de Montaigne (1533 - 1592)

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Tom Clancy: Command Authority/ Kampf um die Krim (2014)

Es kommt immer wieder einmal vor, daß ein fiktiver Roman (Fahrenheit 451 von Ray Bradbury oder 1984 von George Orwell) Entwicklungen einer Zeit vorwegnimmt. So auch bei Command Authority (Oberste Befehlsgewalt) von Tom Clancy. Dieser 2013 zuerst in englischer Sprache erschienene, fiktive Politthriller ist neun Jahre später von unglaublicher Aktualität. Er handelt von nichts geringerem als dem Angriff Rußlands auf die Ukraine, nachdem ihr Überfall auf Estland von der NATO zurückgeschlagen worden war. Die Parallelität zu heutigen Ereignissen, dem Überfall Russlands auf die Ukraine im Februar 2022, ist ausgesprochen beunruhigend. Ebenso wurden vom Autor die Annexion der Krim 2014 und die Destabilisierung des Donbass durch Russland vorweggenommen. („Wolodin möchte die Krim und die südliche Ukraine an Rußland anschließen. Er weiß jedoch, daß es viel schwerer für ihn wird, wenn die Ukraine erst einmal NATO-Mitglied ist. Er muß also möglichst schnell handeln, um dem zuvorzukommen.“ Kapitel 7) Wolodin - wen wundert es jetzt noch - wird mit einem Putin sehr ähnlichen Lebenslauf vorgestellt.

Prominent wird die Abhängigkeit westlicher europäischer Staaten vom Erdgas Russlands thematisiert. Auch die erfolglosen Bemühungen der Ukraine, in die NATO aufgenommen zu werden, spielen eine Rolle. Man weiß es nicht, aber hätte es vielleicht etwas genutzt, wenn politisch Verantwortliche des westlichen Europa diesen spannenden Roman bei seinem Erscheinen gelesen hätten?

R.S. 2022

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Vincent Klink: Ein Bauch spaziert durch Venedig

Eine Reisebeschreibung der besonderen Art. Der Stuttgarter Sternekoch, Inhaber der „Wielandshöhe“, reist mit seiner Tochter „ins Land, wo die Zitronen blühen“. Mit im Gepäck die Betrachtungen einiger Reisender vor ihm: Michel de Montaigne, Goethe … Es ist eine gemütliche Reise mit dem Auto von der Schwabenmetropole in die Lagunenstadt, durch Südtirol und Venetien. Eine Reise mit vielen Zwischenstopps, um Land und Leute, Kunst und Kulinarik, Architektur und Atmosphäre zu genießen. Literarisch ein Sternemenü, weil höchst vergnüglich und behaglich zu lesen mit vielen neuen Genußmomenten. Man erfährt viel: Über Giotto beispielsweise und über die Geschichte Venedigs, über die Zubereitung von Sarde in saòr (marinierte Sardinen) und über komfortable Herbergen. Und auch, warum Italien wohl immer ein Sehnsuchtsort bleiben wird.

G.S. 2022

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"Der Gottesfurcht unserer Könige zu Ehren möchte ich jedoch eher glauben, daß sie nur, weil sie nicht konnten, was sie wollten, so getan haben, als wollten sie, was sie konnten." Michel Eyquem de Montaigne (1533 - 1592)

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Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit

Alistair Cox, ein englischer Uhrmacher, reist im 18. Jahrhundert zusammen mit drei Gefährten nach China: Er soll für den gottgleichen Kaiser Qiánlóng Uhren - besser vielleicht: Automaten -  bauen, die die Zeit abbilden, einfangen - gar bändigen? Der chinesische Herrscher gebietet über Mensch und Tier, über Schicksale und Jahreszeiten. Wenn er also auch noch über die Zeit verfügen könnte...? Cox soll ihm zuerst eine Uhr bauen, die die Kindheit zeigt, dann eine, die den Tod verkörpert und zuletzt einen Automaten, der die Ewigkeit abbildet. Cox, zutiefst unglücklich seit dem Tod seiner Tochter, findet in der langen Reise zu einer fremden Kultur und in der Auseinandersetzung mit Kindheit, Tod und Ewigkeit zu sich selbst. 

Faszinierend ist Ransmayrs Stil: Es gelingt ihm, mit wenigen Worten, in wenigen Absätzen, farbenprächtige Welten entstehen zu lassen, komplexe Geschichten zu erzählen, Tiefgründiges mitzuteilen. Bestechend die Uhren, die Cox erfindet! Überraschend und im wahren Wortsinn genial ist der Schluß, die Uhr der Ewigkeit...

Historisch verbürgt: Es gab im 18. Jh. einen Automatenbauer James Cox, der versuchte, ein Perpetuum Mobile zu bauen. Auch lieferte er viele Uhren an den Kaiser Qiánlóng.

Aber alles andere ist Fiktion! Erdacht von Christoph Ransmayr. Nicht wirklich, aber wahr.

G.S. 2016

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Italo Calvino: Herr Palomar 

In 27 kleinen Geschichten versucht Italo Calvino, uns einen Menschen näher zu bringen, den nur eines umtreibt: den Fragen des Lebens auf den Grund zu gehen: „Niemand betrachtet den Mond am Nachmittag, und dabei hätte er um diese Zeit unsere Aufmerksamkeit am dringendsten nötig, da seine Existenz noch in Frage steht.“ Genau das ist es, was ich lesen will. Felsenfest stehende Tatsachen, und doch ein winziger Funke Unsicherheit. Was wäre, wenn sich Selene bereits von uns verabschiedet hat? Wenn sie gar nicht daran dächte, uns ihre Entscheidung des Nichterscheinens zukommen zu lassen? Herr Palomar beobachtet die Dinge in seinem Umfeld mit höchster Präzision. Wie etwa ein Fotograf, der mit der größtmöglichen Zeitlupe Werden und Vergehen eines Wesens zu dokumentieren versucht. Dabei ist  aber gänzlich im Unklaren, wie sich die Dinge hinter den Dingen verhalten, welchen Einfluß sie korrespondierend nehmen und ob ihnen mit präzisen Beschreibungen eine unumstößliche Wertigkeit zuzuschreiben wäre. Kurz und gut: unser Protagonist hat der Oberflächlichkeit, der Gleichgültigkeit gegenüber dem Besonderen den Kampf angesagt.

Und so betrachtet Herr Palomar nicht nur denn Mond am Nachmittag, sondern er versucht, eine Welle zu lesen. Er reiht sich in die wartende Schlange in einem Pariser Käseladen ein, betrachtet von seinem Garten aus die Sterne und sinniert über die Ordnung der Schuppentiere. 

Vielleicht, vermute ich, würde Herr Palomar sein unnachgiebig konsequentes Vorgehen beim Betrachten der Dinge mit dem Schälen einer Zwiebel vergleichen. Aber nein, nicht ganz: das wäre ja ein endliches Werk.

Auf denn: Begleiten Sie unseren emsigen Römer auf seiner Suche! Die gerade einmal 127 Seiten werden Ihnen bis zur letzten gefallen.

R.S. 2022

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"Wenn wir schon nicht durch Erfahrung herauszufinden wissen, was Lebensklugheit in Wirklichkeit ist, so wissen wir es wenigstens in der Fachsprache auswendig herzusagen." Michel Eyquem de Montaigne (1533 - 1592)

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George Orwell: 1984

Wie viele Menschen vor mir werden 1984 von George Orwell gelesen haben, ein Buch, das er 1948 schrieb? Die Angst vor einer diktatorischen Zukunftsgestaltung voller Leid und Gewalt, Manipulation und Unterdrückung, Demütigung und Umerziehung dürfte ein treibendes Moment sein, weshalb 1984 heute, 73 Jahre später, immer noch Millionen Leser anzieht.

Laut WiKi wurde das Buch 1999 in Frankreich auf Platz 22 der Liste der 100 besten Bücher des 20. Jahrhunderts gewählt. Im Januar 2017 landete es auf der Amazon-Bestseller-Liste in den USA auf Platz 1. In der DDR war es als staatsfeindliche Hetzschrift verboten. Für Lektüre und Verleih drohten Zuchthausstrafen.

Der Inhalt sei kurz zusammengefaßt: Der Protagonist Winston Smith arbeitet im Ministerium für Wahrheit* und will sich, weil er den Glauben an den Großen Bruder (Big Brother is watching you) verliert, Menschen anschließen, die  sich im Widerstand zu den diktatorischen Verhältnissen befinden. Winston ist interessiert an der Vergangenheit. Dies um so mehr, als eine seiner Hauptaufgaben darin besteht, im *Miniwahr (Kurzform) die Vergangenheit nach den aktuellen Bedürfnissen der Diktatur umzuschreiben und so die Geschichte der Menschen und ihrer Beziehungen kontinuierlich zu löschen, so daß die Lüge als Bestandteil der Geschichte zur Wahrheit wird. Ein Mittel zur Umerziehung ist hierbei die Amtssprache Neusprech, die kontinuierlich die Alltagssprache auf die Bedürfnisse der herrschenden Partei herunterbricht. Die Wirklichkeit: Umerziehungs- und Folterlager, heißen Lustlager; aus Krieg wird Frieden, aus Unwissenheit Stärke.

Auf der Suche nach Bundesgenossen gerät er in die Fänge der Gedankenpolizei des Ministeriums für Liebe (Minilieb). Hier wird er im Raum 101 einer langen Folter unterzogen und erinnert sich nach dem letzten Umerziehungsschritt nicht mehr an seine Sehnsucht nach Freiheit.

George Orwell schließt sein 1984 mit einer längeren Abhandlung über die Grundlagen von Neusprech und verdeutlicht den Sinn dieser sprachlichen Vergewaltigung, indem er den Beginn der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung zitiert und feststellt: „Es wäre ganz unmöglich gewesen, dies in Neusprech wiederzugeben und dabei den Sinn des Originals zu erhalten. Am nächsten käme man der Lösung, wenn man die gesamte Passage in einem einzigen Wort aufgehen ließe: Deliktdenk.“ (S. 398)

R.S. 2022

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