KreativWerkstatt

Ein weises Geschenk

 

Pfarrer Martin inspizierte die Krippe in seiner Kirche. Er schaute nach, ob ordentlich Stroh im Stall war, Ochs‘ und Esel ihre Plätze eingenommen hatten, das Kamel beim richtigen König stand und die Laterne brannte, die Josef in der Hand hielt. Der Seelsorger kannte die „Schäfchen“ seiner Gemeinde, insbesondere die vom kirchlichen Beirat: Sie saßen meist in der ersten Reihe und prüften, denn dazu waren sie ja schließlich ausgewählt worden. Und als Erwählte (nein, Gewählte) nahmen sie ihre Aufgabe sehr ernst. Also, wenn etwas nicht ganz so war, wie es die Kirchenordnung vorschrieb -  oder was auch immer Menschen sich zur irdischen Regulierung göttlicher Transzendenz haben einfallen lassen - es würde ihnen auffallen - auffallen müssen! Es würde mindestens eine ganze Predigt lang in den Köpfen der auserwählten Schäfchen gewogen und gewälzt und spätestens bei der nächsten Versammlung gerügt werden. Man rügte „ungern“ - angesichts dieser versöhnlichen Einlassung aber erstaunlicherweise doch recht häufig. Verständlich, denn es ging schließlich um nichts geringeres als das Streben nach Unfehlbarkeit, und man liebte es, statt der üblichen eigenen Innenrevision, auch denen Fehltritte nachweisen zu können, die qua Amt der oben genannten Transzendenz näher zu sein schienen. Das, so fand der Pfarrer übrigens, war zutiefst menschlich und damit verständlich. Und er lobte seinen Beirat immer als „das engagierte und notwenige Rückgrat des kirchlichen Corpus Eglesiae der Gemeinde Bramlingen am Bodensee, gewissermaßen eine stabile Achse, auf die die Gläubigen bauen und hocherhobenen Hauptes agieren können“. Das bedeutete aber nicht, daß Pfarrer Martin tunlichst darauf achtete, sich keine ernsteren Nachlässigkeiten nachsagen zu lassen.

Auch das war zutiefst menschlich.

Nur mal nebenbei, weil das ja eigentlich die Hauptsache ist an Weihnachten: die Geschichte nämlich, wie alles begann mit dem Licht, das in die Welt kam. Also: es war eine wunderschöne Krippe, die dieser Geschichte Gestalt verlieh, mit alten handgeschnitzten, fast lebensgroßen Figuren. Der Stall samt umliegendem Feld mit Hirten, Ziegen und Schafen nahm fast die ganze Breite rechts vom Altar ein. 

Es schien doch alles in Ordnung zu sein!?

„Der Stern fehlt“. 

Der Pfarrer erschrak nun doch: Wie konnte er den Stern vergessen? WIE KONNTE ER DEN STERN VERGESSEN! Die Verheißung des Lichts!

Aber gleich darauf beruhigte er sich wieder, denn neben ihm stand kein strafender Kirchenbeirat, sondern Nicki, 13 Jahre, einer seiner treuen Meßdiener. Nicki hielt eine grün-golden verpackte Schachtel mit aufgeklebten Stanniol-Sternen in der Hand.

„ Oh, Nicki, Dich schickt wirklich der Himmel - stell‘ Dir mal vor, wir hätten den Stern über Bethlehem vergessen! Das müssen wir gleich in Ordnung bringen, subito sozusagen, pronto … Aber deshalb bist Du vermutlich nicht gekommen.“ 

Nicki streckte dem Pfarrer das Päckchen hin:

„Meine Mutter hat gesagt, daß wir in diesem Jahr auf Geschenke verzichten wollen. Sie meint, es ginge uns so gut, da müssten wir nicht auch noch zu Weihnachten was bekommen, wir sollten lieber an die bedürftigen Menschen denken und das Geld spenden, das wir für Weihnachtsgeschenke ausgeben würden. Ich darf also auch kein Geschenk annehmen, und meine Mutter meint, Sie wüßten schon …“

Nun muß man wissen, daß der Hirte von Bramlingen ein recht rebellischer solcher war. Ihm ging es immer ein bißchen mehr um Wahrhaftigkeit und ein bißchen weniger um den Mainstream. Niemals würde er jemandem ein „besinnliches Weihnachtsfest“ wünschen. Er war der Ansicht, besinnlich könnte man auch im Hochsommer sein, wenn’s not täte. Auch „Bücher, die zum Nachdenken anregen“ mochte er nicht - Nachdenken sollte man unbedingt, öfters und auch ohne entsprechende Bücher … Kurz: Ihm war vieles heilig, aber Scheinheiligkeit mochte er nicht. Also schickte er einen stummen Seufzer nach oben: „O, Herr“, bat er, „gib‘ mir Geduld mit all‘ meinen Schäfchen, die sich manchmal als ausgewiesene Schafe zeigen. Wieso müssen sie sich nun auch noch das Weihnachtsfest schwer machen? Man kann doch seinen Liebsten UND den Bedürftigen eine Freude machen?“ Und er schloß sein stummes Gebet etwas unwirsch: „Warum müssen sich die Hornochsen eigentlich alles, was Spaß macht, vermiesen? 

„Wenn ihr euch nichts schenkt, Nicki, woher hast Du dann das Päckchen?“

„Von Frau Lehmann.“ Und zerknirscht setzte Nicki hinzu:„ Ich weiß, ich hätte es ja gar nicht annehmen dürfen, aber sie hat sich so gefreut, mir etwas zu schenken - und ich wollte es eigentlich auch nicht ablehnen, ich kann mir nämlich vorstellen, was drin ist, ich würde mich nämlich auch sehr darüber freuen, und ich dachte, wenn ich was von einem anderen geschenkt bekomme, darf ich es vielleicht behalten ...“ .

Pfarrer Martin mußte sich räuspern und sammeln. In dieser Reihenfolge. Denn es lag echte Tragik in der Geschichte: Das Geschenk anzunehmen hieße, ungehorsam gegenüber der Mutter zu sein. Das kann ein Pfarrer, auch ein rebellischer, natürlich nicht gutheißen, schon aus allgemein pädagogischen Gründen. Es nicht annehmen würde hingegen bedeuten, eine alte Dame zurückzuweisen. Frau Lehmann war  über achtzig, lebte alleine mit einer friedlichen Katze und einer nicht gerade üppigen Rente. Nicki brachte ihr täglich die Post und kaufte ab und an für sie ein, weil sie nicht mehr so gut zu Fuß war. Manchmal spielten sie auch Schach zusammen, denn Frau Lehmann war in früheren Jahren Mathematiklehrerin am örtlichen Gymnasium und liebte geistige Herausforderungen, am besten was zum Kombinieren. Es lag also nahe, daß sie sich sehr genau überlegt hatte, womit sie Nicki eine Freude machen konnte … und vermutlich wußte Nicki, was es war, und der Pfarrer wäre kein Seelsorger auf der Höhe seiner Zeit gewesen, wenn er nicht zumindest geahnt hätte, was einem dreizehnjährigen Jungen Freude gemacht hätte.

Mit den folgenden Worten nun begab sich der Pfarrer, wie er wohl wusste, auf dünnes Eis. Also es war nicht gerade so, daß er vom Pfad der seelsorgerischen Tugend abgewichen wäre, aber, sagen wir mal so, er begann, den Pfad etwas zu strapazieren, ihn sozusagen breit wie die First Avenue zu machen. Und so fragte er wie nebenbei:

„Hat Deine Mutter das Päckchen gesehen?“

Nicki sah ihn verwundert an. Als ob das angesichts des vermutlich tragischen Verlusts wichtig gewesen wäre! Aber er gab bereitwillig und freundlich Auskunft, wie es seine Art war:: „Nein, ich hab‘ ihr bloß von einem Geschenk erzählt, und da hat sie mich zu Ihnen geschickt, weil sie meinte, Sie kennen sicher jemanden, der das nötiger braucht als ich, vielleicht ein Kind.“

Ja, der Pfarrer kannte viele Bedürftige in seiner Gemeinde, nicht nur Kinder. Und wenn er für alle Nöte und Leiden Linderung hätte und auf alle Widersprüche des Lebens eine Antwort - ja, dann wäre er wahrlich gesegnet. Rasch blickte er auf die Uhr: Noch sechs Stunden bis zum  Gottesdienst. Also, laß’ Dir was einfallen, befahl er sich im stillen - laut sagte er:

„Gut, Nicki, ich werde jemanden finden, zu dem das Geschenk paßt.“ Denn der Pfarrer war der Meinung, daß man Geschenke nicht willkürlich umherstreuseln kann wie Konfetti. Geschenke kommen vom Herzen, und dem kann man bekanntlich nichts befehlen. Solche Gaben gehören deshalb zu dem, für den sie bestimmt sind - wie weiland Gold, Weihrauch und Myrrhe für das neugeborene Kind im Stall von Bethlehem.

Nicki allerdings war etwas verwundert: Wie konnte der Pfarrer jemanden finden, der zu dem Geschenk paßt, wenn er gar nicht wußte, was in dem grün-goldenen Päckchen war? Aber er machte sich keine großen Gedanken darüber, der Umgang mit den Pfarrern hatte ihn gelehrt, daß bei denen nicht immer alles logisch zuging.

Der Heilige Abend brach an, die Gläubigen (und solche, die es noch werden wollten) kamen mit ihren Familien zum Gottesdienst, die Weihnachtsgeschichte wurde gelesen, „Macht hoch die Tür“ gesungen - ja und nun hätte eigentlich das „Stille Nacht“ kommen müssen. Aber stattdessen kam der Pfarrer und erinnerte - in einer bisher nie da gewesenen zweiten Predigt sozusagen - an die Weisen aus dem Morgenland, die die Kunst erfunden haben, Geschenke zu machen. Und er bat alle Kinder - es war eine überschaubare kleine Schar in seiner kleinen Gemeinde - sich vor der Krippe (natürlich mit Stern!) aufzustellen, weil gleich der Weihnachtsmann jedem Kind ein Geschenk übergeben würde ... symbolisch sozusagen, in der Tradition der Heiligen Drei Könige, die man damit fortführen wolle in der kleinen Gemeinde Bramlingen am Bodensee, heute und in den folgenden Jahren ... 

Ein paar Stunden  später saßen der Pfarrer und der Messner - er hatte netterweise den Weihnachtsmann gespielt - bei einem Glas samtigen Rotweins und Zimtsternen (selbstgebackenen, beides übrigens Geschenke vom Kirchenbeirat) beieinander und freuten sich noch nachträglich über die Verwunderung der Gemeinde und die Freude der Kinder, insbesondere über einen komplett verwunderten Nicki, der ein grün-goldenes Päckchen erhalten hatte. Alle anderen waren übrigens rot-golden, aber das fiel keinem auf, jeder war restlos mit der Einführung dieses überraschenden Rituals beschäftigt. Obwohl doch das Schenken am 24. Dezember mit immerhin 2017 Jahren eine durchaus lange Tradition hat …

G.S., Immenstaad 2017

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Unter Menschen

Paul de F.

 

Wir wohnten einst im äußersten Teil Berlins, in Sichtweite der Mauer, die uns Inselbewohner einschüchtern sollte, es aber nie geschafft hat. Stadtgeschichtlich war es ein recht junger Wohnsitz, denn erst nach 1910 wurde hier nach und nach eine Gartenstadt errichtet. Modern, eher einfacher gehaltene Häuser, viel Grün, eine Invalidensiedlung für die Versehrten des Ersten Weltkriegs und Ihre Familien. Zur nächsten Bushaltestelle lief man von uns aus zehn Minuten, Gehwege gab es in unserem Sträßchen nicht, auch keinen Winterdienst des Bezirks. Es war eine Idylle mit Vorbehalt. Für eine eingemauerte, pulsierende Großstadt, in der wir „Insulaner“ meist auf engstem Raum lebten, ein eher seltener Ort.

In unserer Stichstraße nun kannte man sich, besuchte sich bisweilen und half einander, wenn das hier so wichtige Auto mal wieder nicht ansprang oder in einer Schneewehe, was auch schon vorkam, einfach steckengeblieben war.

Einen engen Kontakt zu unserem Gegenüber, dem Apotheker Müller, gab es eigentlich nicht. Wenn wir uns zufällig vor dem Haus begegneten, unterhielten wir uns über dies und das, die aktuelle Politik, die kleinen Wehwehchen, die Eigenarten seines sehr lebendigen Dackels. Gelegentlich auch über das Hobby seiner Frau Gabriele, die wunderschöne Landschaftsbilder malte, aber aus gesundheitlichen Gründen selten das Haus verließ. Ein kleines Aquarell märkischer Weite schenkte sie uns einmal; ein stimmungsvolles, farbenfrohes Frühlingsbild, das wir umgehend einrahmen ließen.

Eines Nachts, ich war zufällig wach geworden, sah ich im dichten Schneegestöber einen Rettungswagen vor dem Haus der Müllers stehen. Eine Person wurde auf einer Bahre hinausgetragen. Tags drauf versuchte ich, mit Müllers zu sprechen, ob sie irgendwelche Hilfe benötigten, aber niemand öffnete. Den Apotheker traf ich erst in der Woche drauf, und bruchstückhaft, von Schluchzen unterbrochen, erfuhr ich vom jähen Tod seiner geliebten Frau. Was für ein schwerer Schlag für eine so lange, glückliche Ehe. Ich sagte ihm zu, daß meine Frau und ich, wo immer wir könnten, helfen würden.

Die Tage wurden kürzer, die Temperaturen sanken weit unter Null, und Weihnachten stand vor der Tür. Für unseren Nachbarn die erste, sicher schmerzliche Weihnacht ohne seine Gabriele. So fragten wir ihn, ob er mit uns zu Heilig Abend essen würde. Es gäbe Würstchen und Kartoffelsalat, bei uns beiden eine alte Tradition. Dazu ein gutes Gläschen Wein und das Weihnachts-Oratorium. Herr Müller bedankte sich und versprach zu kommen.

Lange saßen wir an diesem Abend beisammen, sprachen über unser Leben, die jungen Jahre. Er erzählte von seiner Hochzeit mit Gabriele, kurz nach Kriegsende 1947. Von Not und Aufbau, Bescheidenheit und Fleiß, vom ersten Auto und von den gemeinsamen Schritten in die Selbständigkeit. Von seiner Apotheke und Erfahrungen mit der Kundschaft auf dem südöstlichen Kiez von Berlin. Wir gingen zum Du über und versprachen, uns öfter zu treffen.

Monate später dankte uns Kurth, unser Apotheker, einmal für diesen ganz besonderen, gemeinsamen Abend im Dezember. Er hatte sich gefürchtet vor diesem Tag, dem ersten Heiligen Abend, ohne seine Gabi. Keine selbstgebackenen Zimtsterne, die sie immer auf den Tisch gestellt hatte. Kein Oh du Fröhliche aus dem alten Grammophon, wenn sie mit einem Silberglöckchen zur Bescherung rief. Keine Kerzen am Baum. Überhaupt kein Baum - wozu auch.

Kurt hatte Angst vor der Einsamkeit, vor Hoffnungslosigkeit und Leere. Die Straße seines Lebens, fühlte er, verschwinde im Nebel. Und er wisse nicht, was er dagegen tun könnte. Und dann kam diese Einladung. „Danke euch vielmals“, sagte er.

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Mein schönstes Weihnachtsfest

Martha Happ 

 

Ja, was war mein schönstes Weihnachtsfest? Wenn ich so zurückdenke: ich durfte viele schöne Weihnachtsfeste erleben. Aber am deutlichsten erinnere ich mich an das Weihnachtsfest 1950. Ich war sechs Jahre alt, Nachkriegszeit, entsprechend „bescheiden“ war das damalige Leben – und die Weihnachtsfeste natürlich auch. 

Trotzdem – auch mit ganz bescheidenen Mitteln gestaltete meine Mutter jeweils unsere Weihnachtsfeste. Vormittags noch geschäftiges Treiben, jeder bekam irgendeine Arbeit zugewiesen, die unbedingt noch sein mußte, aber alle waren willig dabei. Alle nach dem Motto: „Keiner zu klein, Helfer zu sein!“ Vater war zuständig, den Weihnachtsbaum einigermaßen gerade im Ständer zu befestigen, anschließend war das Wohnzimmer für uns tabu, nur Mutter werkelte darin. Sie pendelte zwischen Wohnzimmer und Küche hin und her, denn das Abendessen mußte ja auch vorbereitet werden. Rechtzeitig machten wir – mein älterer Bruder und ich - uns auf den Weg zur Schloßkirche. Oh – und wie schnell wir nach dem Gottesdienst den Weg zurücklegten, in Windeseile waren wir zuhause. Und schon erklang das Glöckchen und wir durften ins Wohnzimmer eintreten. Herrlich, der Christbaum mit brennenden Wachskerzen, liebevoll mit Silberlametta geschmückt, in ganz dünnen abgezählten Streifen. Zuvorderst prangte eine silberfarbene Christbaumkugel in Form eines Tannenzapfens. Diese hatten wir in Langenargen in einem Bombenloch gefunden. In Langenargen waren wir während der letzten Kriegsmonate einquartiert.

(Und noch heute ziert dieses „Schmuckstück“ jedes Jahr an exponierter Stelle unseren Weihnachtsbaum).

Zuerst ging’s zu Tisch. Weiße Tischdecke, weihnachtliche Papierservietten wurden geviertelt, in ausgehöhlte Äpfel gesteckt und darin brannte dann jeweils eine rote Kerze. Schon sah die Weihnachtstafel „weihnachts-festlich“ aus! Und meine Mutter im schwarzen Kleid mit weißer Schürze, sehr nobel. Das „Festessen“ bestand aus Kartoffelsalat mit Würstchen – wobei es für mich damals nur ein halbes Würstchen gab. Niemals schmeckte es so gut wie an Heiligabend; wobei wir Kinder innerlich schon ungeduldig waren, wenn sich das Essen bei den Eltern durch Unterhaltung unserer Meinung zu sehr in die Länge zog!!! 

Anschließend die Bescherung: zuerst wurde gemeinsam „Stille Nacht – Heilige Nacht“, alle drei Strophen gesungen. Danach „durfte/mußte“ ich ein im Kindergarten gelerntes Gedicht aufsagen und dann: Ja dann ENDLICH war BESCHERUNG! Ich traute meinen Augen nicht, ich bekam eine echte Schildkrötpuppe ‚INGE‘ .  Mit diesem Weihnachtsgeschenk hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Sie trug ein wunderschönes hellblaues Kleidchen mit bunter Borte an Ärmeln und Röckchen, von meiner Mutter genäht.

ICH WAR SELIG

Diese Puppe begleitete mich durch meine Kindheit und weit ins Erwachsenenalter. 

(Zu den folgenden Weihnachtsfesten hoffte ich insgeheim auf den Puppenwagen dazu – jedoch - dieser Wunsch ging nie in Erfüllung – das WARUM – blieb unbeantwortet).

Leider – bei meinem letzten Umzug kam meine geliebte INGE irgendwie abhanden. 

Anläßlich meines 50. Geburtstages durfte ich eine Schildkrötpuppe INGE auspacken. Über dieses Geschenk war ich sehr erfreut; sie erinnert mich bei jedem Anblick an das damalige „Weihnachts-Original“.  

Wenn ich heute die Heiligabende meiner Kinderzeit Revue passieren lasse: dieses Weihnachtsgeschenk, die Puppe INGE, war doch mein kostbarstes Geschenk, mein „seligstes Weihnachtsfest“, schon dadurch, daß es so unerwartet in der damaligen Zeit eintraf. 

Immenstaad/ 06.11.2021   

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Eine Taxifahrt am Heilig Abend

Rolf Scherer 

 

Als mein Freund Pit hörte, daß wir vom www.textangler.de Weihnachtsgeschichten zum Thema hatten, rief er mich aus dem fernen Berlin gleich an. Pit, mit bürgerlichem Namen Peter Mellitzky, war lange Jahre Taxifahrer in der geteilten Stadt, bis er kurz vor der Wende umsattelte und einen florierenden Fuhrbetrieb (Gemüse, frisch vom Acker) gründete.

„Hör zu, Rolf. Du weißt doch, daß ick im Schreiben nich so zuhause bin. Aber ick könnte dir doch die Jeschichte erzählen. Die is doch so schöön!“

Ich ließ mich gern darauf ein. Also denn - hier ist Pits Weihnachtsgeschichte. Sie spielt im Jahr 1973, dem Jahr der Ölkrise und des Jom-Kippur-Krieges. Als die Erdöl exportierenden Staaten ihre Produktion drosselten und Deutschland als Reaktion darauf vier autofreie Sonntage anordnete. Außerdem wurde 1973 Jan Ulrich geboren.

Im Rückblick war 1973 für Pit ein verrücktes Jahr. Gesundheitlich lief nicht alles so, wie es sollte. Er wurde zum ersten Mal Vater, ein Umzug von Britz nach Charlottenburg in den engen Mauern West-Berlins war zu stemmen. Zudem mußte er sich häufiger um seine Eltern in Kassel kümmern, die ihr kleines, renovierungsbedürftiges Reihenhaus mit Gärtchen verkaufen wollten. Ja - und schließlich noch Taxe fahren und Geld verdienen. Da blieb ihm nichts weiter übrig, als im Herbst von der Tag- auf die Nachtschicht umzusteigen. So verdiente man besser, setzte aber das Familienleben mit seiner Bärbel und dem Neuankömmling Niko gewissem Streß aus. Manchmal, wenn wir uns damals trafen, erinnere ich mich gut an seine Einleitung: „Du, Rolf, ick habe jewisse Probleme.“

Und problematisch war es schon einmal, wenn der junge Vater Pit abends gegen Fünf in seine Taxe stieg, um morgens früh nach Hause zu kommen. Der familiäre Rhythmus bekam eine jewisse Unwucht, zumal Niko, ein liebenswerter, kleiner Wonneproppen, tagsüber viele wache, lautstarke Momente hatte. 

Heilig Abend fiel dieses Jahr auf einen Montag, und der Haussegen hing schon länger ein ganzes Stück weit schief. Denn Pit mußte auch heute raus, auf die Taxe, lukrative Fahrten winkten. Viele Berliner verzichteten bei den Feierlichkeiten gern aufs eigene Auto. Und die Stadt war groß, Entfernungen weit. Da gab es schon öfter Touren von 15, mal 20 Kilometern, die bis 25 DM oder etwas mehr bringen konnten. Einnahmen, die in Kollegenkreisen Schnitzel hießen. Koteletts gingen bei 10 DM los.

Und da war an diesem Heiligen Abend diese Fahrt in Neukölln. Eine freundliche, alte Dame wollte zur besten Zeit für Bescherungen, für Weihnachtslieder und Geschenke, von der Weser- zur Britzer Jupiterstraße, einer Laubenkolonie. Pit hatte heute schon bessere Fahrten gehabt, aber - was soll’s, er fuhr seinen Fahrgast das kurze Stück, keine zehn Minuten waren es.

Am Ziel angekommen entschuldigte sich sein Fahrgast nach langem Suchen in der Handtasche, sie müsse die Geldbörse wohl zu Hause liegengelassen haben. Sie wolle sie kurz holen und stieg aus. Meinem Freund Pit kamen Zweifel, ob er seinen Fahrgast je wiedersehen würde. Die Lauben lagen zumeist im Dunkeln und die Minuten verstrichen. Hier und da gab es in den bescheidenen Gartenhäuschen auch Licht. Sie waren bewohnt, auch im Winter, und Kerzen standen in manchen Fenstern. Die Schneehauben auf den kahlen Ästen der Obstbäume glitzerten im Scheinwerferlicht des wartenden Taxis. Wenigstens ein bißchen Weihnachtsstimmung.

Pit wollte gerade losfahren, da klopfte es plötzlich an sein Fenster. Er kurbelte die Scheibe herunter, und da stand die alte, freundliche Dame und reichte ihm die Fahrtkosten, 4,30 DM und eine Tüte. „Sie müssen entschuldigen. Ich kann ihnen leider kein Trinkgeld geben. Aber hier sind ein paar selbstgebackene Kekse. Und auch noch ein schönes Stück Mohnstrudel. Das Rezept habe ich von meiner Mutter aus Ostpreussen. Er wird ihnen schmecken.“

Als Pit gegen 23 Uhr die Taxe vor seinem Mietshaus abstellte, sah er noch Licht am Fenster. Bärbel wartete. Sie zündete einige Kerzen am Weihnachtsbaum an, Pit erzählte seine Geschichte und sie aßen vergnügt Kekse und lobten den Kuchen. Ganz leise, um Niko nicht zu wecken an seinem ersten Heilig Abend.

Das war nun Pits Geschichte, liebe Leser. Er hofft, daß sie den Textanglern gefallen wird.

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The following text was taken from the biography: Giselle Braeuel: Growing up in Volmarstein, Gilmore Doculink, Canada,  2011

With the kind permission of Giselle Braeuel, Kanata/ Ontario, 2020.

Thank you, Gisela!

 

„Keep the shop and the shop will keep you.“

Ben Jonson

 

Christmas in the Drugstore

Giselle Braeuel, Kanata/ Ontario, 2020

 

Show me any retail store, and I will tell you that the owner does not have a Christmas of the peaceful kind, of the kind where you become reflective and contemplate the real meaning of that holiday.

      No, it’s usually the busiest time of the year, the time where most of the retail industry now makes seventy percent of the year’s turnover.

      Well, in those days it wasn’t quite that hectic but, by golly, we were busy. Beside three other employees, Gustav, Klaus und Käthe, there were my parents, my brother, my sister and myself.  You see, in those days you were not asked: „My child, what would you like to be?“ It was understood, in moste cases, that you went into the business of your parents. In our case we all became druggists.

      On Christmas Eve day my dad used to check the cash register every half hour, an anxious smile on his face.Had we reached last year’s total yet? Yes, we always had. And then his eyes shone with pleasure: „Hey, guys, we are over!“ It was healthy to grow. „Standing still is going backwards,“ he used to say. He was happy, and the rest of the family was too because he was. It really seemed that everybody in our small town waited with their Christmas shopping until the last day. You see, we are talking about many, many years ago, when presents, compared to today, were of a more modest nature. And a drugstore, the store of the thousand articles, as ist was called, was the ideal place to shop.

      The old-fashioned German drugstore carried everything a drugstore carries now (except that ist did not dispense prescription drugs) however the selections were much smaller. In addition we had a liquor section, a wine cellar and a camera department with a finishing lab attached. Perfume, cosmetics, a great bottle of brandy, all these made excellent gifts.And not to forget the necessities like, film, candles, Christmas tree decorations and similar items. In other words, business was wonderful, and excellent service was given. My dad saw to that. There we all stood in freshly starched, white coats, passing merchandise - self-help was unknown - over the counter: efficiently, smiling, knowing by name almost every single customer.

      It was non-stop from the time the store opened. No scheduled breaks were possible. However in the back was a table covered with absolutely delicious snacks which we enjoyed on the run, swallowing them real fast because you couldn’t serve the customers with your mouth full or chewing on something.

      When 6 p.m. finally arrived, we were all near exhaustion and far from experiencing those peaceful Christmas feelings. But threatening in the distance was midnight mass. Came hell or high water, my father would not think of ever missing ist. What would people say if our family didn’t show up in church? Looking back I think they would surely have survived it. I sometimes suspected him of putting his customers ahead of his own family. But then again ist was a small town and they were our livelihood.

      Between store closing and midnight mass happened a good meal of the traditional carp and the exchanging of the gifts.Carp wasn’t my favorite food, I enjoyed the goose on Christmas Day much more. The gift exchange, to be honest, wasn’t a source of cheer joy either. While we were all singing our hearts out around the tree - the custom before the gifts were opened - the door bell would at least ring twice, interrupting the festival atmosphere.

      My dad, trying to please, as usual, would stop right in the middle of „Silent Night“, or whatever we happened to be singing and ignoring our protest, go downstairs into the shop. All this with a smile on his face, as was his style and the reason for his immense popularity. Usually someone’s tree had fallen over, and the decorations needed to be replaced. Or someone had forgotten to buy films, or a baby bottle had broken which in those days was made of glass. Or someone had a terrible headache, needing pills.

      However, if this sounds like a not very Christmassy Story, to make up for that one hectic festival, there were wonderful birthdays, Easter celebrations, the nearness of many relatives and in general the feeling of belonging to a good, close-knit family which gave me the foundation on which to build the rest of my life.

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Im Tierheim

Michael M. 

 

Ich heiße Lumpi und bin ein mausgrauer Rauhhaardackel in den besten Jahren. Meine Vorfahren waren früher häufig bei Jägern beschäftigt und krochen in Fuchslöcher und Dachsbauten. Das war ihr Job, hat wohl auch häufig Spaß gemacht, war aber nicht ganz ungefährlich. In meinen Generationen hat sich das Aufgabengebiet deutlich gewandelt. Wir lassen den Fuchs und seine grabenden Kollegen in Ruhe und kümmern uns mehr um Herrchen oder Frauchen, daß sie noch ein bißchen Auslauf haben und nicht so viele Pfunde ansetzen. Wir sind nämlich ideale Begleiter. Ziehen hierhin und dorthin, und wenn wir von der Leine gelassen werden, nehmen wir ein bißchen Reißaus, damit unsere Besitzer mal so richtig außer Atem kommen beim Hinterherlaufen. 

Außerdem sind wir unbedingt fotogen. Kaum jemand kann uns böse sein, denn bei unserem Blick schmilzt fast jedes menschliche Wesen einfach dahin. Und dann gibt es ein Extra-Würschdle, was immer gern genommen wird.

Wir wollen uns schließlich nicht selber loben, aber wir sind auch gehorsam - bis zu einem gewissen Grad. Was artfremde Anforderungen betrifft, Kunststückchen und so, dafür gibt es andere Rassen, die jeden Quatsch mit sich machen lassen. Nein, ein Zirkushund sind wir nicht. Kein Dackel würde da mitmachen. Und auch bei „Sitz, Fuß und Platz“ hat so mancher meiner Kollegen ein kleines Problem. Jedoch -  im großen und ganzen funktioniert unsere Symbiose mit dem Menschengeschlecht recht passabel. Ganz grundsätzlich hören wir auf ihn, und er hört auf uns.

So, jetzt wissen Sie, mit wem sie es zu tun haben. Und weshalb ich mich so ausführlich äußere, hat einen einfachen Grund: Wir haben in ein paar Tagen Weihnachten. Und ich liege auf meiner roten Platzdecke vor dem Schreibtisch von meinem Frauchen, die hier auf der Alb im hintersten Donauwinkel die Chefin vom Tierheim ist. Wenn jetzt ein Besucher kommt, der nach einem Hund Ausschau hält, dann begleite ich sie und helfe ihr bei der Vorstellung unserer Schützlinge. So wie gerade eben. Da kam ein tieftrauriger Mensch, Bauer Martin hat sie ihn genannt, dem gerade sein treuer Dackel, fast 17jährig, verstorben war. Noch vor dem Heiligen Abend wollte unser Gast nach einem neuen Begleiter Ausschau halten. Er wohnte weit außerhalb des Dorfes in der Einsamkeit, und auf seinem Hof gab es immer einen Vierbeiner. Wächter, Begleiter, Gesprächspartner und Schicksalsgenosse in einer Person.

Das war jetzt mein Auftritt. Ich konnte ja helfen und begleitete Bauern und Frauchen zu unseren drei Neubewohnern im Tierheim, Dackelwelpen, die sie liebevoll mit der Milchflasche aufzog, weil die Mama überfahren worden war. Mit der Nase auf der Erde und ziemlich unbeteiligt nahm ich die Rasselbande in Augenschein. Mein Verstand sagte mir, daß ein Rüde am besten zu Bauer Martin und seiner Einsamkeit passen könnte. So stubste ich ein hellgraues Wollknäuel ein wenig an und flüsterte ihm in unserer Sprache etwas ins Ohr. Schon erhob sich der kleine Kerl auf seinen krummen Beinchen, trottete auf den traurigen Landwirt zu und machte sich mit lustigem Schniefen an den Schnürsenkeln seiner möglichen Herrschaft zu schaffen. „Wie mein Flori“, rief dieser hocherfreut. „Das gibt es doch gar nicht - wie mein kleiner Flori!“

Mehr war nicht zu tun. Hund und Herrchen hatten sich gefunden. Meine Chefin kraulte mich hinter dem linken Ohr, eine Geste, die ich absolut gern habe und immer als Auszeichnung verstehe.

Ach ja! Als Bauer Martin und Flori Zwei gegangen waren, gab es ein extragroßes Würschdle. Das war auch verdient. Jetzt konnte Weihnachten kommen.

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Vom Träumen 

 

Ich war vermutlich zehn oder elf Jahre alt, genau weiß ich das nicht mehr. Ich habe alles vor mir, den Morgen des 24. Dezember 1959 – oder war es ein Jahr früher? - Egal: Meine gespannte Erwartung ...

Als Kind hatte ich es genossen, den Augenblick des endgültigen Erwachens hinauszuzögern. Ich lag mit geschlossenen Augen ganz still; genoß die Minuten, die nur mir gehörten. Aus der Küche hörte man schwaches Geschirrklappern. Die Vorbereitungen für den Heiligen Abend waren in vollem Gange. Es roch nach Haselnußmakronen und frisch gebackenem Weißbrot. Immer noch war Weihnachten geheimnisvoll. Mein Herz machte einen winzig kleinen Sprung: Würde ich die heißersehnten Ballettschuhe bekommen? Die aus rosafarbenem Satin mit den langen, seidigen Bändern? Das ganze Jahr über hatte ich die Tanzschuhe bestaunt, in dem kleinen Geschäft, dessen Schaufenster zur ebenen Erde lag und wo man Stufen zum Eingang hinabsteigen mußte. Einmal hatte ich mir ein Herz gefaßt, hatte den Laden betreten, nach dem Preis gefragt ... „Fünfunddreißig Mark“, hatte der alte Mann gesagt und mich mißtrauisch beäugt. Er sah ein bißchen aus wie Dr. Coppelius. Und er setzte streng hinzu: „Dazu muß man aber Ballettstunden haben. Hast Du welche?“

Nein, ich hatte keinen Tanzunterricht. „Zu teuer“, hatte mein Vater gemeint. Aber das hinderte mich natürlich nicht, Bilder von Ballettaufführungen aus Magazinen und Zeitungen auszuschneiden, in ein Schulheft einzukleben und mit Kommentaren zu versehen: „Marcia Haydée und Richard Cragun in Schwanensee“, stand da zum Beispiel. Oder „Leslie Caron in Der gläserne Pantoffel“. Auch liebte ich es, Füße zu zeichnen, die in einem perfekten Bogen auf der Spitze standen. Ich besaß Bücher aus der Leihbibliothek, die Ballett-Exercises zeigten und verschiedene Figuren erklärten. Ich kannte die französischen Namen auswendig – Port de Bras, Demi Plié, Arabesque, Pas de Chat – und übte stundenlang vor dem Spiegel, eine Stuhllehne diente als Stange. Von meinem angesparten Taschengeld hatte ich mir immerhin schwarze Leder-Schläppchen kaufen können, fünf Mark fünfundsiebzig hatten sie gekostet. Als ich viel später dann, mit knapp zwanzig tatsächlich Ballettstunden nahm – für Erwachsene, zum Zeitvertreib – sollte die Lehrerin sagen, daß man mir mein jahrelanges Training ansehe. Das erfüllte mich komischerweise mit Stolz.

An diesem Morgen des 24. Dezember aber war ich voll gespannter Erwartung. Als ich meine Mutter fragte, ob ich die ersehnten Spitzenschuhe bekommen würde, hatte diese geheimnisvoll gemeint: „Wer weiß?“ Das gab zur Hoffnung Anlaß! Denn wenn ich die Schuhe hätte – dann, ja dann würde ich vielleicht auch Ballettunterricht bekommen können ...

Ich sprang mit einem Satz aus dem Bett, huschte ins kalte Bad, wusch mich, zog mich an und stattete der Küche einen Besuch ab. Geschäftiges Treiben erwartete mich dort. Die Haselnußmakronen standen zum Auskühlen auf dem Tisch, das Weißbrot würde es zum Frühstück geben, und meine Mutter war schon dabei, das Abendessen vorzubereiten: Am Heiligen Abend gab es nach der Bescherung, die mit Eintritt der Dunkelheit begann, Würstchen mit frisch geriebenem Meerrettich und Kartoffelsalat. Mein Vater war Meister im Reiben von frischem Meerrettich. Während wir alle weinen mußten, blieb er standhaft. Wir liebten frischen Meerrettich und überboten uns mit der Menge, die wir auf die Würstchen schmierten, und waren gespannt, wer wohl am meisten aushalten konnte … Die Kartoffeln wurden gerade zum Kochen aufgesetzt.

Gefrühstückt wurde in der Küche: Kaffee, das frisch gebackene Weißbrot, Butter zur Feier des Tages, statt Margarine, und Pflaumenmus. Irgendwann kamen auch Renate, meine große Schwester, und Markus, mein kleiner Bruder dazu, und wir genossen einfach den freien Tag ohne Verpflichtungen. Und schließlich scheuchte uns meine Mutter aus der Küche: Sie liebte es nicht, zu viel Ablenkung beim Kochen zu haben.

Renate und ich beschlossen, in die Stadt zu fahren, einen Bummel über den Weihnachtsmarkt zu machen, der in Stuttgart immer ganz besonders schön war, vielleicht auch noch das eine oder andere einzukaufen. Gegen Nachmittag waren wir wieder zu Hause, und jeder zog sich in eine Ecke zurück, um die Geschenke einzupacken. Keiner durfte vorher wissen, was er bekommen würde. Der Weihnachtsbaum wurde vom Balkon geholt – meist war es eine schön gewachsene Kiefer – und traditionell geschmückt, so wie jedes Jahr: Rote Kugeln, silbernes Lametta, weiße Wachskerzen. Diese Aufgabe übernahm unser Vater, und wir durften das Weihnachtszimmer nicht betreten, bis die Kerzen angezündet waren. Unsere verpackten Geschenke – mit Namenskärtchen versehen -  holte unser Vater bei uns ab. Wir würden sie dann später auf einem Stuhl oder in einer Sofaecke wiederfinden – jeder von uns Fünfen bekam ein eigenes Plätzchen für die Geschenke.

Zuvor aber mußten wir noch Klavier spielen. In unserer Familie wurde Klavier gespielt, und wir bekamen alle Stunden. Das „Üben für Weihnachten“ gehörte ebenso zur Tradition wie das Meerrettichreiben und war sozusagen das Geschenk an unsere Eltern, die uns den Musikunterricht spendierten. Ich wollte ihn gar nicht haben, mein Herz hing ja wie gesagt an Ballettstunden, aber damals interessierte man sich nicht sonderlich für das, was Kinder wollten.  

Unser Klavier stand im Nachbarzimmer, die Türen wurden geöffnet, aber wir durften das Weihnachtszimmer immer noch nicht betreten. Meine begabte Schwester spielte den ersten Satz der Mondscheinsonate, ich folgte mit „Für Elise“, mein kleiner Bruder spielte „Stille Nacht“.  Dann endlich durften wir zur Bescherung kommen: Es war immer geheimnisvoll, das nur durch die Wachskerzen am Baum erleuchtete Zimmer zu betreten. Es roch wundervoll nach Tanne und Licht, und wir staunten, wie solch’ ein Abend verzaubert werden konnte. Wir standen um den Baum und sangen dann alle zusammen noch „Macht hoch die Tür“ und „Ihr Kinderlein kommet“ und natürlich auch noch einmal „Stille Nacht“. Während des Singens suchten wir Kinder natürlich die Plätze ab, wo die Geschenke lagen, und konnten anhand der nicht verpackten Geschenke meist recht gut sagen, wer wo plaziert worden war:  Sei es ein Zigarrenkistchen (Vater), der Bosch-Mixer (Mutter), der Plastik-Baukran (Markus) oder das Kleid für den Abschlußball (Renate). 

Vorsichtig tastete ich die Sofaecke, wo meine Geschenke lagen, mit den Augen ab. Ich weiß noch, das Sofa war gerade neu aufgearbeitet und bezogen worden, mit beigefarbenem Wollstoff und braunen Rükkenlehnen. Dort also lagen meine Geschenke, alle verpackt. Ich rechnete mir aus, wie verpackte Spitzenschuhe aussehen könnten, aber keines der Päckchen entsprach deren vermuteter Größe. Ich rechnete mir meine Füße kleiner, um die Hoffnung nicht aufgeben zu müssen ...

Ich weiß dann nur noch, wie ich ein Geschenk nach dem anderen auspackte, immer große Freude und Überraschung ausdrückte. Das Päckchen, in dem ich am ehesten noch meine Schuhe vermutete, entpuppte sich als Lektüre: „Das praktische Handarbeitsbuch“. Ein Geschenk von meinem Vater mit den freundlichen Worten, ich möge mich doch etwas mehr den wichtigen Tätigkeiten widmen …

In meinem weiteren Leben habe ich es tunlichst vermieden, mich mit Handarbeiten zu beschäftigen. Ich widmete mich statt dessen den wichtigen Dingen des Lebens.

A.E., Stuttgart, 2014

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Zigaretten für den Schutzmann

Rolf Scherer

 

Die kleine Geschichte, die ich erzählen will, spielte Weihnachten 1954 an der Kreuzung Albrecht- und Sedanstraße im Berliner Bezirk Steglitz, im ehemaligen amerikanischen Sektor der geteilten Stadt.

Ich hatte meinen Vater, der in einem neu eröffneten Geschäft als Friseur arbeitete, am Nachmittag von der Arbeit abgeholt. Heiligabend fiel auf einen Freitag, und wir schritten zügig durch tanzende Schneeflocken die Albrechtstraße hinauf. Mein grauer Wollmantel war ein wenig zu groß, aber praktisch, weil es noch Platz hatte für einen warmen Pullover, den meine Oma mir gestrickt hatte. So fror ich, die Mütze über beide Ohren, kein bißchen bei dem feuchtkalten Dezemberwetter.

Ein wenig mußte ich mich jetzt schon beeilen, denn mein Vater machte große Schritte, weil er noch den Christbaum putzen mußte. Nach Hause waren es immerhin fast dreißig Minuten, und ein Auto besaßen wir nicht. So steuerten wir auf die Kreuzung zu, in deren Mitte ein Schutzmann in seinem graublauen Uniformmantel stand und den Verkehr regelte. Um gut gesehen zu werden, hatten seine Unterarme weiße Überzüge, wie Stulpen. Und er stand auf einer erhöhten, runden Plattform, die er zu Beginn seines Dienstes auf die Mitte der Kreuzung rollte. Wir sagten hierzu Elefantenfuß.

Mit ausgebreiteten Armen ließ er den den Verkehr fließen oder stoppen. Ein erhobener Arm bedeutete Achtung für beide Straßenzüge. Man muß wissen, daß damals belebte Straßenkreuzungen häufig einen Schutzmann hatten, der dafür sorgte, daß Autofahrer und Fußgänger gleichermaßen zu ihrem Recht kamen. Zebrastreifen gab es zu dieser Zeit noch nicht, und die Straßen füllten sich erst langsam wieder mit Fahrzeugen aller Art. Ampeln waren noch selten und besonders stark befahrenen Straßenzügen vorbehalten.

„Das ist der Herr Sawitzke“, sagte mein Vater, auf den Polizisten deutend. „Er kommt regelmäßig zu mir zum Haareschneiden.“ Ich schaute hinüber und staunte: Da hielt gerade ein grüner VW Käfer, obwohl er freie Fahrt hatte. Die Fahrerin kurbelte das Fenster herunter und stellte dem Schutzmann eine bunt eingepackte Flasche auf seine runde Plattform. Unser Steglitzer Schutzmann legte die Hand an seine Mütze, lächelte und verbeugte sich leicht. Der blaue Borgward Isabella hinter dem Käfer und ein Oberleitungsbus warteten geduldig, bis die Flasche unbeschadet abgestellt war. Schließlich war Weihnachten und Zeit zum Dankesagen für den Dienst an der Gemeinschaft bei Wind und Wetter, Regen und Schnee. So hatten sich bereits mehrere kleine Päckchen beim Polizisten Sawitzke angesammelt. Und auch mein Vater hatte an das Auge des Gesetzes gedacht. Er eilte bei Achtung, als alle Seiten hielten, zu seinem Kunden und schenkte ihm eine Schachtel Zigaretten. Zurück und mit mir auf dem Weg nach Hause verriet er schmunzelnd: „Ich kenne seine Marke. In der Werbung sagen sie: Aus gutem Grund ist Juno rund.“

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Bobby, der Weihnachtshund                                       

Carin K.

 

Kurt Hartmann stand am Küchenfenster und sah besorgt dem immer dichter werdenden Schneetreiben zu. Seit dem Tod seiner Frau vor gut einem Jahr,  lebte er alleine in dem großzügigen Bungalow. Er liebte dieses Haus, aber Schnee schippen gehörte nicht dazu. Eine Stunde später wurde es heller, sogar die Sonne riskierte einen Blick auf den weißen Teppich, der sich sanft über das Land gelegt hatte.

Kurt war trotz seiner einundachtzig Jahre eigentlich immer noch eine stattliche Erscheinung. In den letzten Monaten hatte er sich allerdings zusehends verändert. Die Einsamkeit hatte seinen blauen Augen den Glanz genommen, seine hochgewachsene schlanke Gestalt gebeugt.

Jetzt, zwei Wochen vor Weihnachten, wurde er sich der Leere in seinem Leben besonders bewusst. Schwerfällig machte er sich daran die kleine Schneefräse anzuwerfen. Während er sie den Gehweg vor dem Haus und der Garageneinfahrt rauf und runter schob, fiel sein Blick zur Straßenecke. Dort saß neben dem Laternenpfahl ein ziemlich großer, zottiger Hund. 

‚Na, den hätten sie aber bei dem Wetter auch mit ins Haus lassen können‘, dachte Kurt. Er nahm an, dass die Besitzer in einem der Nachbarhäuser einen Besuch abstatteten.

Am folgenden Tag war es zwar kalt, aber sonnig. Kurt entschloss sich aus einem unerfindlichen Grund, einen kleinen Spaziergang zu machen. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das zum letzten Mal getan hatte. Als er an die Straßenecke kam, saß da wieder der Hund.

„Musst du schon wieder vor der Tür bleiben?“ Er strich ihm mitfühlend über das grauweiße Fell und überlegte, ob das wohl ein Bobtail war. Das große Tier leckte zutraulich seine Hand und sah ihn hinter einer Gardine aus langen Haaren traurig an. 

Als Kurt Hartmann am folgenden Tag zur Mittagszeit zufällig aus dem Küchenfenster sah, saß der Bobtail vor seinem Gartentor. „Na so was!“ rief Kurt erstaunt aus und eilte mit einem Stückchen Wurst vor die Tür. 

„Was machst du denn hier?“ fragte er und gab dem Hund die Wurst, die dieser gierig hinunter schlang. Kurt strich ihm übers Fell, das sich kalt und stumpf anfühlte. 

„Du zitterst ja vor Kälte, mein Freund. – Komm rein und wärm dich auf,“ sagte er aufmunternd und ging zur Haustür zurück. Der Hund folgte ihm sofort. Kurt holte seinem tierischen Gast eine Decke, die er vor dem Kamin ausbreitete. 

„So, hier kannst du dich erst einmal aufwärmen und dann gibt es etwas gutes für dich zu essen.“ Kurt eilte in die Küche, um sein Versprechen in die Tat umzusetzen. Aber das war einfacher gesagt, als getan. Er sah sich in der Küche um und überlegte: ‚Was soll ich ihm denn geben?‘ Er hatte noch nie einen Hund gehabt, wusste aber, dass sie kein Essen vom Tisch der Menschen bekommen sollten. Er hatte aber nur noch ein paar Reste seines eigenen Mittagessens. 

‚Da wird er bestimmt nicht gleich krank davon. – Einmal ist kein mal!‘

Kurz entschlossen häufte er die Kartoffel- und Gemüsereste auf einen Teller, mischte alles durch und trug es mit einer Schale lauwarmem Wasser zum Kamin. „Mehr kann ich dir heute leider nicht bieten,“ bedauerte er. Der Hund erhob sich rasch, leckte Kurts Hand und machte sich über den Teller und das Wasser her. Bevor es sich sein Gastgeber in dem Sessel vor dem Kamin so richtig bequem gemacht hatte, war der Teller blank geleckt und die Wasserschüssel leer. 

„Na du hast aber Kohldampf gehabt!“ staunte der alte Herr. „Nachdem du so schön aufgegessen hast, bleibt das Wetter auch ganz bestimmt schön.“ Er kraulte das verfilzte und ziemlich schmutzige Fell. Der große Hund legte sich zufrieden wieder auf die Decke und schlief kurz darauf ein. 

Für den Rest des Tages schlich Kurt Hartmann auf leisen Sohlen durchs Haus, um ihn ja nicht zu wecken. Gleich morgen früh würde er im Supermarkt ordentliches Hundefutter kaufen. Er setzte sich an den PC und informierte sich über Hunde im Allgemeinen und Bobtails im Besonderen. Er erfuhr, dass es sich dabei um eine alte englische Hunderasse handelte, die als guter Jagdhund gilt, aber auch als englischer Schäferhund bekannt ist.

In dieser Nacht schlief Kurt Hartmann das erste Mal seit langem wieder gut. Als er am Morgen aufstand, hockte sein Gast bereits Schwanz wedelnd im Türrahmen. Nach einem gemeinsamen Frühstück, das für den Bobtail nochmals nicht Hunde gerecht ausfiel und Kurt ein schlechtes Gewissen bescherte, machte sich der Hausherr auf zum Einkauf. Der Hund blieb wie selbstverständlich auf seiner Decke vor dem Kamin zurück.

Als Kurt an der Straßenecke vorbeikam, wurde ihm klar, dass er den Besitzer des Hundes ausfindig machen musste. Er entschloss sich, einen Zettel an den Laternenpfahl  zu kleben: Hund zugelaufen, abzuholen bei usw. Er hatte zu seiner Überraschung festgestellt, dass der Hund kein Halsband trug und auch keine Markierung hatte.

In den nächsten Tagen setzte Tauwetter ein. Der Hund, der inzwischen auf den Namen ‚Bobby‘ hörte, war bereits zu einem festen Bestandteil von Kurts Alltag geworden, der nur vom täglichen bangen Blick zu dem Laternenpfahl an der Ecke getrübt wurde. Aber der Zettel mit Kurt Hartmanns Telefonnummer hing immer noch dort. Niemand schien den Bobtail zu vermissen. 

Die Tage vergingen wie im Flug. Bobby hatte inzwischen einen ausgiebigen Besuch im Hundesalon hinter sich und nun sah man was für ein prächtiges noch junges Exemplar seiner Rasse er war. Er war ein äußerst aufmerksamer Zuhörer und so kannte er nicht nur Kurts Lebensgeschichte sondern auch so manches Geheimnis des alten Herrn, das dieser nicht einmal seiner Frau anvertraut hatte. Abends, wenn sie gemeinsam vor dem Kamin saßen, Kurt bei einem guten Glas Bordeaux, er bei einem guten Hundeknochen, erzählte Kurt aus seinem langen Leben. So viel wie in diesen paar Tagen hatte Kurt Hartmann das ganze letzte Jahr nicht geredet und es fiel ihm immer noch mehr ein was er Bobby unbedingt erzählen musste. Zwei Tage vor Heilig Abend kauften sie gemeinsam einen kleinen, aber gut gewachsenen  Weihnachtsbaum. Unter Bobby’s  kritischem Kennerblick schmückte Kurt den Baum mit glänzenden Glaskugeln, Lametta und richtigen Kerzen. „Du weißt, dass du da nicht zu nahe dran vorbei gehen darfst, sonst wird dir ganz schön heiß im Pelz,“ scherzte Kurt. Bobby quittierte das mit einem kurzen`Wuff`: Was denkst du denn, ich bin doch nicht blöd!

„Na dann ist es ja gut.“

Am  Heiligen Abend wurde Kurt schwer ums Herz. Was sollte er tun, wenn Bobbys Besitzer sich doch noch meldeten? Bobby wieder hergeben? Allein der Gedanke daran bereitete ihm körperliche Schmerzen. Er überlegte den ganzen Vormittag. Bobby, der fühlte, dass etwas  seinem Freund großen Kummer bereitete, schmiegte sich eng an ihn und ließ ihn keine Sekunde allein. Selbst wenn Kurt das Badezimmer aufsuchte, blieb er vor der Tür sitzen.

Am frühen Nachmittag hatte Kurt seine Entscheidung getroffen.

„Komm Bobby, wir gehen ein Stück spazieren. Wir haben etwas wichtiges zu erledigen.“

Zielstrebig ging Kurt zur Straßenecke, entfernte entschlossen den Zettel mit seiner Telefonnummer, faltete ihn zusammen und steckte ihn in die Manteltasche.

„So Bobby, ab jetzt wohnst du für immer bei mir.“ Bobby machte zweimal „Wuff,“ was soviel hieß wie: Na klar, ich gehöre zu dir.

Es wurde für Kurt Hartmann eines der schönsten Weihnachten seines Lebens und der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

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Frau Holle – ein Märchen für Erwachsene

Margarete Gmelin

 

Dunkel ist es hier am Rand des Felsrückens. Die alten, mächtigen Bäume stehen dicht, als hätten sie sich aus langen Baumleben zu erzählen, aus Zeiten, zu denen manch Wanderer hier noch nicht gelebt hat. Ein leises stetes Rauschen dringt ins Ohr, ein leiser Windhauch wiegt die Äste, eine Brise aus Feuchtigkeit und modrigem Holzgeruch liegt in der milden Sommerluft. Ab und zu ein Knarzen, wo ein Stamm am andern reibt. Am Boden kauern zwischen den Stämmen Felsblöcke, dicht überwuchert von frischgrünem Moos. Ahn`s Blick fällt auf manche dunklen Flecken und Mulden, und sie fragt sich, ob sich hier und da ein Tier den Zugang zu seiner Höhle gegraben hat. Die Tiere haben sich zurückgezogen, nur einmal hört sie den Warnruf des Wächtervogels.

Ahn liebt diesen Wald, er hat etwas Verwunschenes – es ist jedes Mal eine Oase, eine andere Welt, in die sie eintaucht, um neue Ideen für ihre kreative Arbeit zu finden. Wie gut kann sie sich hier vorstellen, wie die Edelsteine, die sie in ihrer Werkstatt mit Gold und Silber verarbeitet, in der Erde liegen und sich mit dieser besonderen Energie aufladen, die ihnen den lebendigen Glanz und das Strahlen verleiht.

An einem Stein am Fuße einer alten Buche findet sie einen Platz, an dem sie sich für eine Rast niederlassen kann, und bettet sich auf das weiche Moos. Zwischen den Kronen fällt vereinzelt Sonne ein, in ihrem Strahl tanzen Mücken und feinste Staubpartikel ihren uralten Spiraltanz.

Ahn schließt die Augen, ganz wach lauscht sie nach innen. Sie lässt sich ein auf die Bilder, die aufsteigen und folgt ihnen neugierig. Auch in ihrer inneren Welt ist sie in einem Wald, den sie aufmerksam betrachtet. Zwischen zwei Bäumen weben dichte Flechten einen Vorhang, den sie nun zur Seite schiebt – vor ihr öffnet sich ein Tor. Sie folgt dem Gang ins Erdinnere, dunkel und feucht und schwer ist die Luft, aber Ahn`s Augen passen sich an das geringe Licht an. Der Gang – das spürt sie – fällt stetig leicht ab, windet sich mal zur einen, mal zur anderen Seite. Es kommt ihr vor, als wäre sie schon eine Ewigkeit unterwegs und spürt ihr Herz klopfen – ob sie nicht umdrehen soll, wohin wird sie stoßen, wenn sie weitergeht, findet sie wieder zurück, was, wenn das wenige Licht ganz erlischt? Jetzt kommt ihr auch noch ein heftiger Windzug entgegen, sie fühlt ihre Kleider umbraust und hat Mühe, vorwärts zu kommen. Und doch zieht es sie genau dahin - und dann wird es mit einem Mal heller – sie kann bereits das Ende des Ganges sehen, dahinter Weite – da tritt sie auch schon ins Freie. Vor Ahn liegt eine weite Landschaft, zu ihrer Rechten ein dichter Heckenwald, zu ihrer Linken eine Wiese, sanft zu einem goldfarbenen Hügel ansteigend, saftig grün, mit Obstbäumen bestanden und von einem munter sprudelnden Bach flankiert. Vor ihr nicht allzuweit duckt sich ein altes Haus unter kräftige Bäume, altes Ziegelgemäuer, das Wohnhaus und Stall umfasst, ein Ziehbrunnen. Eine Katze streicht über den Hof, eine Schar Gänse tut sich auf der Wiese gütlich, bis sie Ahn`s Näherkommen entdecken und ihre Warnung mit langen Hälsen kundtun. Ein Rabe stößt auf sie herab, Ahn kann den Luftzug seines Flügels am Ohr spüren.

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Das LACHEN (auch illustriert) - und was andere darüber denken

Schauen Sie mal rein:

 KURIOS & KUNTERBUNT

  • Je mehr ein Mensch des ganzen Ernstes fähig ist, desto herzlicher kann er lachen. Menschen, deren Lachen stets affektiert und gezwungen herauskommt, sind intellektuell und moralisch von leichtem Gehalt. Arthur Schopenhauer
  • Der verlorenste aller Tage ist der, an dem man nicht gelacht hat. Nicolas Chamfort
  • Die Menschen nehmen sich selbst zu ernst. Das ist die Erbsünde der Welt. Hätte der Höhlenmensch zu lachen verstanden, wäre die Weltgeschichte anders verlaufen. Oscar Wilde
  • Schlagt mich meinetwegen, aber lasst mich lachen! Molière
  • Lachen und Lächeln sind Tor und Pforte, durch die viel Gutes in den Menschen hineinhuschen kann. Christian Morgenstern
  • Das Lachen ist die sicherste Probe auf einen Menschen. Dostojewski
  • Lachen ist eine Macht, vor der die Größten dieser Welt sich beugen müssen. Émile Zola
  • Jedes Lachen vermehrt das Glück auf Erden.Jonathan Swift
  • Lachen ist eine körperliche Übung von großem Wert für die Gesundheit. Aristoteles
  • Nichts amüsiert mich mehr, als wenn ich über mich selbst lache. Mark Twain
  • Lachen lernt man nicht, lachen verlernt man. Emanuel Wertheimer
  • Leute, die nicht lachen, sind keine ernsthaften Leute. Chopin 

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Literarischer Bodensee 

"Das Fürstenhäusle in Meersburg bietet eine grandiose Aussicht über den Bodensee. Hier lebte im 19. Jahrhundert die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff. Das Haus gibt mit authentischer Einrichtung aus der Zeit des Biedermeier einen charmanten Einblick in ihr Leben und Werk..."  -  zum Fürstenhäusle

Literarischer Bodensee (2) 

Zum Vergrößern KLICK ins Bild.

Das Gebäude, in dem sich heute das Hesse Museum befindet, ist ein ehemaliges Bauernhaus aus dem 17. Jahrhundert. Es befindet sich in 78343 Gaienhofen und ist unbedingt einen Besuch wert!

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